Der Garten als Spiegel der Persönlichkeit?

Dank meiner blog68Tätigkeit sehe ich viele Gärten. Und wenn ich hier in der Folge oft von „Garten“ rede, meine ich in gleichem Masse auch Balkone oder Terrassen, für welche ich lieber die Bezeichnung „Topfgärten“ verwende. Jeder Garten ist definitiv ein individualisierter Mikrokosmos, entstanden durch das Zusammenwirken von Mensch und Natur, eingebettet durch eine Hecke, durch Bäume, Steine, Geländer als Abschirmung zum Makrokosmos. Ghorto (indogermanisch) meint „Flechtwerk“, daraWP_20160601_12_14_44_Pro (2)us entstand das Wort „Garten“ als eingezäunter, kultivierter Ort. Was mich so unendlich fasziniert, ist dieses Individualisierte. Kein Garten gleicht dem anderen. Die farbliche Gestaltung ist so individuell wie die Anordnung, manchmal sind klare Prioritäten ersichtlich, manche Gartenbesitzer legen starkes Gewicht auf Dekorationselemente, andere auf einen Teich, für andere ist der Garten Spielplatz für Kinder und/oder Hunde, ein sicheres Terrain für die Hauskatze, eine Weide für Kleintiere oder das Kleinod für lauschige Grillabende mit Freunden.

Einige Elemente ergeben sich gewiss aus den Begebenheiten, anderes könnte oberflächlich als GeschmacWP_20160615_10_47_08_Pro (2)kssache interpretiert werden oder als Frage des investierten Zeitbudgets. Von letzterem zeugt die Affinität zu Immergrün-Pflegeleichtem. Anderes ist vielleicht durch Zufall so entstanden, wie es sich präsentiert? Vom Vorbesitzer übernommen und nicht verändert worden?

Oder könnte man sagen, ein Garten sei gar ein Spiegel der Persönlichkeit?

Warum orientieren sich einige Gartenbesitzer an den Lehren des Feng-Shui? Warum legen andere Wert auf saubere, militärische, nüchterne Anordnung von Pflanzen, während bei anderen Chaos regiert und Beikräuter herzlich willkommen geheissen werdblog71en? Woher kommen Präferenzen zur Monokultur während der Gartennachbar Wert auf Vielfalt legt? Hier legt jemand Wert auf ertragreiche Bepflanzung, dort werden Rosen und Kräuter gepflanzt, weil sie so himmlisch gut riechen. Die Einflüsse anderer Länder sind oft deutlich erkennbar während in anderen Gärten deutlich einheimische Gestaltungselemente bevorzugt werden. Die Liste liesse sich endlos fortführen. Mit jedem Garten, den ich sehe. Werden seelisch-geistige Inhalte auf Gärten übertragen? Der individualisierte Mikrokosmos als Spiegel der Persönlichkeit? Tönt das zu esoterisch?

„Kleider machen Leute“ sagt der Volksmund. „Zeig mir Deinen Garten, und ich sage Dir, wer Du bist“blog69, kann man das so gelten lassen? Ich habe keine schlüssige Antwort darauf, ich denke nur darüber nach. Und etwas fällt mir in diesem Zusammenhang auf: Gärtner reagieren sehr sensibel auf Übergriffe aller Art auf ihr individuelles Paradies. Unerfragte Veränderungen, Rodungen, unerwünscht starke Rückschnitte, Vandalismus jeglicher Art, das verletzt das Herz des Gärtners. Ich habe kürzlich aus Versehen (an einem Tag, der eh nicht meiner war…) einen wunderschön blühenden Hortensienzweig abgeschnitten. Ach… ich hätte nicht nur heulen können vor Seelenschmerz, das Ereignis kam mir um einiges schlimmer rein ablog67ls wenn ich mir selber ordentlich in den Finger geschnitten hätte. Wobei ich mich an letzteres gewohnt bin, mein Verbrauch an Fingerkuppen- und anderem Pflastermaterial ist beträchtlich.

Und: auch ein Garten beeinflusst seinerseits den Menschen. Er verändert ihn äusserlich (Gärtnerhände…) und innerlich. Ein Garten bringt einem das Leben so viel näher, dieses Leben von der Aussaat bis zum endgültigen Verblühen. Das macht demütig und lehrt gleichermassen was Hoffnung und Geduld bedeuten. Mir ist keine andere Tätigkeit bekannt, die gleichzeitig so kultig, so tief meditWP_20160615_10_54_18_Pro (2)ativ und trotzdem real und abhängig von den ureigensten irdischen Kräften ist und die so viel Erfüllung und Freude bereitet, wie eben die des Gärtnerns.

Die Bedeutung unserer Gärten, Balkone oder Terrassen haben verstärkt eine neue, tragische Dimension angenommen.  In Zeiten von Gewalt, Hass, Elend und Angst, in Zeiten , in denen das Unvorstellbare plötzlich real wird, braucht jeder einen Ort, an dem er sich sicher und frei fühlen kann. Einen Ort, in dem wir für ein paar Stunden den ganzen Horror, der uns schon zum Frühstück serviert wird, vergessen dürfen. Die Hecke, die Mauer, der Zaun oder das Geländer legen sich hierzu wie eine schützende blog65Haut um unseren Mikrokosmos.

Wenn Sie das Thema interessiert, mein persönlicher Lesetip: der Autor heisst Wolf-Dieter Storl, sein Buch „Der Selbstversorger“ ist im Verlag Gräfe und Unzer (GU) erschienen und individuelle Gartengestaltung ist zentraler Inhalt.

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