Die Krux mit dem Kraut

Normalerweise veröffentliche ich Buchbesprechungen auf meinem Blog unter dem Titel „Für Sie gelesen“. Doch möchte ich, dass diese Rubrik denjenigen Publikationen vorbehalten bleibt, die ich Ihnen auch wirklich empfehlen möchte. Wie bespreche ich ein Buch, das mir nicht wirklich gefällt ohne dabei unfair zu werden? Vor diese Herausforderung stellt mich heute die Neuerscheinung Aromatische Bergkräuter (erschienen im Haupt Verlag),  geschrieben von Gartenagoge Thomas Pfister und fotografiert von Fides Auf der Maur.

Schon der Buchtitel wirft bei mir Fragen auf. Bergkräuter? Warum Bergkräuter? Wegerich, Schnittlauch, Dost, Himbeere, Klee und viele, viele weitere portraitierte Kräuter wachsen doch auch hier auf meiner ganz und gar nicht alpinen Wiese oder gar in meinem Topfgarten. Mag schon sein, dass diese Pflanzen auch in den Bergen spriessen, Bergkräuter in dem Sinne sind das aber nicht. Aromatisch? Warum aromatisch? Das ist doch genau DAS Kennzeichen von Kräutern, wären sie nicht aromatisch, so wären es keine Kräuter, denn Kräuter dienen der Würze und sind per se aromatisch.

In der Einleitung schreibt unter anderem Gastautorin Pia Werthmüller über die vier (!) Geschmacksrichtungen, welche die Zunge wahrzunehmen vermag und reizt hier gleich schon wieder den Kritiker in mir, denn verehrte Frau Werthmüller, es sind fünf Geschmacksrichtungen. Sie haben „pikant/würzig“ vergessen, was  gastronomiewissenschaftlich längst dazugehört, im Fachjargon übrigens als „umami“ bezeichnet.

Bevor wir die Kräuter überhaupt kennenlernen, geht’s auch schon los mit Kochrezepten. Ohne Fotos. Was bitte darf ich mir unter einem „Kräuter-Kracher“ vorstellen? Und wie mögen wohl „Schnelle Schnecken“ aussehen, wenn ich sie aus dem Ofen ziehe? Die Herstellung von eigenem Kräuteressig wird auf einer einzigen Seite abgehandelt „zwei Handvoll Kräuter reinwerfen und gut ist“. Hier käme es aber sehr auf die Kombination an und welche Note wir mit den Ingredienzen anstreben. Immerhin gibt es zum Kräuteressig ein Foto, wenn auch ein höchst unscharfes. Gelernt habe ich in diesem Rezeptteil, dass Storchenschnabel essbar ist. Der wuchert nämlich in meinem höchst flachländischen Topfgarten.

Weiter geht’s mit informativen Pflanzenportraits. Die einzelnen Kräuter sind detailliert und gut beschrieben. Viele Fotos sollen diesen Teil bereichern, leider ist eine zu grosse Anzahl schlichtweg unscharf. Fotografin Fides auf der Maur zeigt uns die Rapunzel verschwommen und die Halbkugelige Rapunzel so schlecht belichtet, dass sie schlichtweg nicht erkennbar ist. Die Betonblättrige Rapunzel wiederum steht zu weit weg, um noch als Betonblättrige Rapunzel identifizierbar zu sein.

Zurück zum Anfang des Buches. Zu den Seiten 11 bis 18. Lebensräume von Bergkräutern. Hier geht um eine Übersicht der Lebensbedingungen unter Einbezug der Höhenstufen. Ich wusste nicht, in wie viele Unterkategorien sich Gletscher, Fels, Schutt und Geröll aufteilen lassen. Auch nicht, dass wir in der Schweiz Inneralpine Felsensteppen haben. Ausgehend von einer interessanten Übersicht beschreibt Autor Thomas Pfister die Lebensräume kurz und knackig und nennt uns Beispiele von ansässigen Kräutern. Diese acht Seiten hätten meiner Meinung nach das Highlight des Buches werden können. Standorte in dieser Form so übersichtlich beschrieben, das habe ich sonst noch nirgends gesehen. Leider, leider ist uns Lesern hierzu gerade mal ein einziges Foto gegönnt. Wie sieht wohl eine Serpentingesteinsflur aus? Was darf ich mir unter einer Buntschwingelhalde vorstellen? Auch um mir die Feinerdenreiche Kalkschuttflur vorzustellen, verfüge ich offensichtlich über nicht genügend Phantasie.

Als Begleiter für die nächste Wanderung fällt das Buch leider auch durch. 568 Gramm sind mir zu diesem Zweck schlichtweg zu schwer. Zweifelsfrei steckt in Aromatische Bergkräuter viel Fachwissen und Liebe zu unserer Bergflora. Aufmachung, Aufbau und ein grosser Teil der Fotos haben mich persönlich jedoch enttäuscht.

Aromatische Bergkräuter                                                                                                         Thomas Pfister, Fides Auf der Maur                                                                                              224 Seiten, durchgehend farbige Abbildungen                                                                          CHF 35.90                                                                                                                                        ISBN 978-3-258-07937-0                                                                                                            Haupt Verlag

An dieser Stelle möchte ich mich beim Haupt Verlag Bern für die Zusammenarbeit und das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar herzlich bedanken.

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2 Kommentare zu Die Krux mit dem Kraut

  1. Vielen Dank für diese ehrliche Buchvorstellung. Leider kann man mit manchen Büchern nicht viel anfangen. Bergkräuter ist wirklich ein dehnbarer Begriff. Mir sind reine Bergkräuter auch nicht bekannt 😉

    LG kathrin

    • Arletta Rusterholz sagt:

      Liebe Kathrin!
      Ich habe mich mit dieser Rezension sehr schwer getan, da mir negative Bewertungen zutiefst widerstreben. Nur… irgendwo gibt es auch noch eine Wahrheit und die ist in diesem Falle: das Buch will zu viel. Es soll Bergkräuterbuch sein, ist es aber nicht. Kochbuch ist es auch nicht. Geographiebuch dann aber auch nicht. Für solch ein ambitiöses Projekt hätte es viel mehr (und bessere!) Fotos gebraucht, nur dann fiele es als Wanderbegleiter erst recht flach.
      Ganz liebe Grüsse schickt Dir, Arletta

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