Mythos Winterfütterung von Wildvögeln auf dem Balkon

Für Anfang nächster Woche sind eisige Kälte und Schneefall angekündigt, ja, es ist wieder soweit: die Wildvögel brauchen unsere Hilfe und nehmen diese dankbar an. Zwar hat die Winterfütterung auf Balkonen und Terrassen an Popularität zugenommen, doch einige Mythen lassen sich offensichtlich nur schwer aus der Welt schaffen. Der Klassiker unter den vielen Ausreden ist: „ja, ich würde ja gerne, wenn ich bloss einen Garten hätte…“ und deshalb versuche ich es heute mal, mit einem Plädoyer für die Balkonfüttterung 🙂

Mythos Nummer 1: Vögel füttern, das geht nur im Garten. Warum denn das? Vögel lassen sich auf dem Balkon ebenso gut betreuen, im Gegenteil, der Balkon kann sogar mit einigen wesentlichen Vorteilen aufwarten: es gibt keine freilaufenden Katzen oder sonstigen Fressfeinde, die unseren gefiederten Freunden nach dem Leben trachten und dies erlaubt ein entspanntes Fressen sogar auf dem Boden. Denn die meisten Vögel fressen am liebsten direkt vom Boden. Ein Balkon bietet dank seiner erhöhten Lage zudem eine gute Rundumsicht, Vögel mögen das. Und die kahlen Äste unserer Balkonpflanzen bieten feudale Sitzgelegenheiten, manche Vögel nutzen diese sogar als Übernachtungsmöglichkeit. Viele Balkone sind ganz oder teilweise überdacht, somit wird das Vogelfutter nicht nass und das Gefieder unserer Gäste bleibt ebenfalls trocken. Fensterscheiben stellen kein Risiko dar, solange diese sichtbar sind. Vorhänge genügen meiner Erfahrung nach. Rollläden, Reflektoren oder sehr seltenes Putzen 🙂 dienen demselben Zweck.

Mythos Nummer 2: Das ist doch voll unhygienisch, da breiten sich Krankheiten aus. Hier gilt es lediglich, einige ganz einfache Regeln einzuhalten, denn ein sauberes und möglichst keimfreies Umfeld ist für die Vogelgesundheit genauso wichtig wie für uns Menschen. Erstaunlich selten zwar finden sich Hinterlassenschaften am Futterplatz, sollte es aber doch mal vorkommen, so muss die Stelle gereinigt werden, denn Vogelkot ist sehr aggressiv. Im Zoofachhandel gibt es spezielle Reinigungsmittel für Futterplätze. Keinesfalls sollte man scharfe Desinfektionsmittel oder konventionelle Putzmittel einsetzen, denn diese können die Vögel vergiften. Ideal ist es, wenn man Fettblöcke, Nussstangen oder Meisenknödel an Äste oder ähnliches hängt, denn solche Schmankerls bleiben vor Verschmutzungen sicher. Vogelhäuser geben dem Balkon zwar ein romantisches, rustikales Flair, ich stelle trotzdem keine mehr hin, denn diese sind nun wirklich schwierig zu reinigen. Viel lieber sind mir glasierte Untersetzer für Blumentöpfe, gefüllt mit Sämereien, direkt auf dem Balkonboden platziert. Erstens fressen die Vögel gerne daraus und zweitens kann ich diese Näpfe abends reinnehmen, vollkommen problemlos abwaschen und am nächsten Morgen frisch gefüllt wieder auf den Balkon stellen. Es empfiehlt sich sowieso, kein Futter über Nacht draussen stehen zu lassen, denn es kann einfrieren oder Schadnager anlocken (auf dem Balkon zwar eher unwahrscheinlich, aber man weiss ja nie…).

Mythos Nummer 3: Die Vögel fürchten sich aber doch vor uns Menschen und flattern ständig aufgeregt weg, wenn sie uns bemerken. Ja, vielleicht während der ersten zwei Tage 🙂 Vögel merken sich sehr schnell, wer für das Futter zuständig ist und wen man demzufolge öfters mal sieht. Je länger die Futtersaison, desto zutraulicher und frecher werden unsere kleinen Freunde. Wenn ich den Balkon betrete, fliegt keiner mehr weg, nicht mal dann, wenn ich mit dem Staubsauger anrücke (herumliegende Körner lassen sich leicht einsaugen) oder wenn ich im Frühjahr die ersten Gartenarbeiten tätige.

Mythos Nummer 4: Ich mag nicht ganze Vogelschwärme anlocken mit dem Futter. Passiert nicht, verlassen Sie sich drauf. Vögel sind sehr territorial veranlagt und haben eine klare Fresshierarchie. Nicht jeder Vogel darf an jeder Futterstelle fressen. Dafür sorgt in der Regel ein Chefvogel, der stets den Überblick behält und sich seines anspruchsvollen Jobs wegen auch ständig auf Ihrem Balkon aufhalten wird. Bei uns ist dies eine Amsel 🙂

Mythos Nummer 5: Ach, die brauchen das doch gar nicht, die finden ihr Futter in der Natur draussen. Gegenfragen: wie sollen die Vögel unter einer geschlossenen Eis- und/oder Schneedecke Futter finden, wenn sie vor Kälte und Hunger eh schon geschwächt sind? Und was genau sollen die da finden? Die Menschheit hat die natürlichen Lebensräume und Futterquellen durch endlose Bautätigkeiten, den Einsatz von Pestiziden und den exzessiven Anbau von Monokulturen so stark zerstört, dass die Vögel bald, sehr bald, sogar ganzjährig auf unsere Unterstützung angewiesen sein werden.

Wie halten Sie es, liebe Leserinnen und Leser, mit der Wintervogelfütterung? Füttern Sie bereits und kennen Sie vielleicht gar das ultimative Vogelfutterrezept? Wie machen Sie es diesen bezaubernden Tieren gemütlich? Mich interessiert alles und ich bin gespannt auf Ihre Kommentare 🙂

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6 Kommentare zu Mythos Winterfütterung von Wildvögeln auf dem Balkon

  1. Liebe Arletta, ein wirklich fabelhafter Beitrag! Wir füttern die Vögel auch immer. Allerdings haben wir nun entdeckt, dass das Futter vorwiegend von Tauben gefressen wird. Diese wären eigentlich nicht das primäre Ziel gewesen, aber was soll man machen. Bei uns steht das Vogelhaus im Garten.

    Der Winter sollte hier auch kommen. Bin gespannt, ob es stimmt. Die Temperaturen sind jedenfalls am Sinken.

    Magst Du mit Deinem Beitrag vll bei Flipboard oder Pinterest mitmachen?

    LG Kathrin

    • Arletta sagt:

      Liebe Kathrin

      Herzlichen Dank für das schöne Kompliment 🙂 Türkentauben kommen hier auch gerne fressen, ich habe diese Vögel als sehr friedlich kennengelernt, deshalb dürfen sie gerne bleiben 🙂

      Ich mach überall gerne mit 🙂 Danke für das Angebot! Ich kenne allerdings weder Pinterest noch Flipboard, was müsste ich da genau machen? Auf Instagram werde ich den Beitrag heute auch noch publik machen 🙂

      Hier ist es mittlerweile auch winterlich kalt und am Montag soll es sogar in tieferen Lagen schneien.

      Mit ganz lieben Grüssen zu Dir,
      Arletta

  2. Almuth sagt:

    Liebe Arletta, ein schöner Beitrag und sehr informativ, vielen Dank ! Allerdings muß ich in Sachen Tauben auch noch einen kleinen Abzug machen. Hier sind Wildtauben unterwegs und die sind echt riesig. Wenn die hier landen, wirbeln sie alles auf. Ich mag sie, nur nicht hier auf dem kleinen Balkon und verscheuche sie dann. Aber bei mir gehts noch. Eine andere Stadtbalkongärtnerin hat einen Schwarm Stadttauben gegenüber vom Haus und die haben das mit dem Füttern gleich spitz gekriegt und leider ist so ein Schwarm dann doch zu viel auf dem Balkon, was Verschmutzung und Betrieb angeht. Aber so lange so etwas nicht in der Nähe ist, würde ich deinen Ausführungen bedenkenlos zustimmen.

    Zum Glück füttern hier viele Leute. In manchen Regionen ist das inzwischen dringend nötig, weil durch intensive Bewirtschaftung für die Vögel kaum noch Lebensraum bleibt. Das hast du ja auch beschrieben. Einziges Manko bei der ganzjährigen Fütterung: das Futter hilft den Elternvögeln im Sommer über die Runden zu kommen. Aber die meisten Jungvögel brauchen Insekten. Und die kann man nicht durch Vogelfutter ersetzen. Also neben dem Füttern genauso wichtig, einen naturnahen Garten / Balkon zu bieten, wo die Vögel noch Insekten finden können 🙂

    Schön, daß die Vögel bei dir so zutraulich sind. Bei mir flattern die Vögel doch noch oft weg. Aber sie kommen wieder. Manche sind mutiger, andere scheuer. Aber es klappt. Man ist ja auch nicht immer da 🙂
    Liebe Grüße von Vogelbalkon zu Vogelbalkon ! Almuth

    • Arletta sagt:

      Liebe Almuth

      Vielen herzlichen Dank für Deinen Kommentar 🙂 Mit Stadttauben habe ich gar keine Erfahrung hier, kann mir aber gut vorstellen, dass die zum Problem werden, wenn die mal eine Futterquelle entdeckt haben auf dem Balkon. Türkentauben sind zierlicher und „meine“ hier treten auch nicht in einem grossen Schwarm auf, es sind nur drei Stück. Sie sind aber grösser als die anderen Vögel und auch so bissi ungelenk, aber wie gesagt, sie verhalten sich hier einwandfrei und ich mag sie recht gern hier haben 🙂

      Hier füttern mittlerweile auch einige Leute und auch das Angebot an Vogelfutter für jeden Geschmack nimmt stetig zu 🙂 Die Ganzjahresfütterung ist umstritten, Du nennst die Gründe ja schon, ich persönlich würde das auf dem Balkon auch nicht wollen. So gern ich die Vögel im Winter hier habe, so gerne habe ich den Balkon dann auch wieder für mich im Sommer 🙂 Ohne, dass mir jemand ständig was ausgräbt 🙂

      Der einzige Vogel, der hier sofort wegfliegt, wenn er mich sieht, ist das Rotkehlchen. Vielleicht sind’s ja auch unterschiedliche Rotkehlchen, ich seh halt immer nur eins. Aber dieser Vogel ist wirklich voll scheu. Am zutraulichsten sind ausgerechnet die kleinsten Vögel: die Schwanzmeisen! Die kennen gar nix 🙂

      Liebe Grüsse vom Vogelbalkon im Süden zum Vogelbalkon im Norden,
      Arletta

  3. Almuth sagt:

    Ja, die Türkentauben sind zierlicher. Die Wildtauben, auch nur 3 oder 4 Stück an der Zahl, sind eineinhalb mal so groß, wie die Türkentauben. Die sprengen den Rahmen 🙂
    Witzig, welche Vögel wo am zutraulichsten sind. Das Rotkehlchen war hier mal sehr zutraulich, pickte nur einem Meter neben mir. Die Schwanzmeisen würden nicht mal herkommen. Auch Vögel sind Individuen 🙂 Das merkt man schon bei den einzelnen Meisenarten an sich. Manche sind mutig, andere sind schüchtern. Ich freue mich jedenfalls, sie so aus nächster Nähe beobachten zu können. Liebe Grüße zurück, die mit dem Vogel ;-), äh, Almuth

    • Arletta sagt:

      Liebe Almuth

      Das sind interessante Beobachtungen und ich denke auch, die Zutraulichkeit ist eine sehr vogelindividuelle Angelegenheit 🙂 Ich habe mir auch schon überlegt, ob es mit dem Verhalten des Leitvogels zusammenhängt, fliegt dieser aufgeregt weg, dann folgen ihm halt alle anderen. Frisst er in Ruhe weiter, dann sehen die anderen auch keinen Grund zur Aufregung. Ich bin schon gespannt, was wir diesen Winter wieder alles beobachten werden 🙂

      Viel Spass Dir mit den gefiederten Freunden und beste Grüsse aus der stürmischen Schweiz (hoffentlich halten sich die Meisen gut fest an den Meisenknödeln 🙂 )
      Arletta

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